Die wirtschaftliche Situation der Apotheken 2023 und 2024

Zahlen, Daten und Trends der Branche präsentierte Dr. Sebastian Schwintek. Der dominierende Abwärtstrend der Betriebsergebnisse macht deutlich: Es braucht ein Umsteuern der Politik, kurzfristig ist verstärkt unternehmerisches Agieren erforderlich.

11. Dezember 2023
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Wie immer auf dem DIALOG kamen zum Schluss die Fakten, Entwicklungen und Trends rund um die Branchenlage – dieses Mal von Rechtsanwalt Dr. Sebastian Schwintek, dem neuen Geschäftsführer des Treuhand-Verbandes.   

»Mit Blick auf die stark divergierenden Wahrnehmungen Karl Lauterbachs und des Berufsstandes kann man jetzt schon sagen: Das wird kein einfaches Jahr«, so Dr. Sebastian Schwinteks erste Prognose und Eröffnung zum Bericht zur Branchenlage mit allen Zahlen, Daten und Fakten. Denn die sagen klar und deutlich: Gestern ist vorbei. Das Jahr 2023 könnte laut den betriebswirtschaft­lichen Daten der deutschen Durchschnittsapotheke ganze
16 Prozent weniger Betriebsergebnis liefern. Die Rohgewinne sinken weiter trotz steigender Umsätze.

»Nur auf den Durchschnitt zu schauen, trübt jedoch die Wahrnehmung«, warnt Dr. Schwintek. »Denn über 30 Prozent der Apotheken haben eine negative Umsatzentwicklung, gut 60 Prozent erzielen unterdurchschnittliche Betriebsergebnisse.« Das beruht auch darauf, dass die Quote der defizitären Betriebe gewaltig ist – sie liegt bei einem Höchststand von 11,1 Prozent.

»Im unteren Drittel der Apotheken nach Betriebsergebnissen wird im Schnitt nur noch ein Ergebnis von 5000 Euro im Jahr erreicht«, berichtet Schwintek. »Und das heißt, dass sich in 6000 Apotheken im Prinzip die Selbständigkeit nicht mehr lohnt.«

Kipp-Punkt erreicht? Fünf wesentliche Treiber

Treiber 1: Personalknappheit. Unbesetzte Stellen, vermehrte Teilzeit, ein hoher Krankenstand und mehr eingeforderte Work-Life-Balance führen zu einer nie dagewesenen Personalknappheit. »Eine weitere Verschärfung in 2024 ist absehbar«, so Schwinteks Vorhersage.

Treiber 2: Lieferengpässe. Sie sorgen für enormen Aufwand und viel Frust bei Personal und Kunden. Laut BfArM, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, gibt es Engpässe bei mehr als 500 Produkten. Dr. Schwinteks Meinung dazu: »Die 50 Cent Ausgleich, die der Bundesgesundheitsminister zugesteht, sind noch nicht mal eine symbolische Anerkennung.«

Treiber 3: Keine Anpassung der Rx-Vergütung. Die »Eigenmarge« gemäß Arzneimittel-Preisverordnung ist seit 2020 defizitär und wird somit durch andere Bereiche querfinanziert. Erst durch »Fremdmarge« wird also ein positiver GKV-Rx-Stückgewinn erzielt, wie Dr. Frank Diener, Generalbevollmächtigter der Treuhand Hannover, erstmals errechnet hat.

Treiber 4: Erhöhter Zwangsabschlag. Für gefährdete Apotheken ein echter Brandbeschleuniger: Die Abschlagserhöhung von 1,77 Euro auf 2 Euro je GKV-Rx-Packung. Für die Durchschnittsapotheke heißt das 7200 Euro weniger Betriebsergebnis im Jahr.

Treiber 5: Apothekenspezifische Inflationsraten. Die Teuerung beim Wareneinsatz und die Erhöhung der Betriebskosten sind »gekommen, um zu bleiben«.

Und dann noch das. Die Tarifforderungen der ADEXA lauten: 10,5 Prozent mehr Gehalt wegen Inflation und der gesetzlichen Erhöhung des Mindestlohns in 2024. »Damit würde der Personalkostenanteil vom Rohgewinn auf über 50 Prozent steigen«, konstatiert Sebastian Schwintek. Fazit: Die weiter steigenden Mindestlöhne können ab 2024 für gering qualifizierte Berufsgruppen eine Gehaltsanpassung notwendig machen, die Personalknappheit führt zu weiteren übertariflichen Zulagen und das Betriebsergebnis droht 2024 weiter abzunehmen, da der Rohgewinn erwartbar sinken wird.

Teilnehmerstimmen

»Es war wie immer sehr gut, ich bin immer gerne auf dem DIALOG dabei. Auch wegen dem Erfahrungsaustausch vor Ort. Die Bereiche Mitarbeiterführung und die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von KI in der Apotheke finde ich für weitere DIALOGe sehr interessant.«
Detlef Rudat, Stadtapotheke in Buttstädt

Die Aussichten? Eingetrübt.

»Die Schließungsdynamik wird weiter zunehmen«, so Schwintek. »2023 werden es laut ABDA-Prognose etwa 600 Betriebsschließungen sein.« Der zu verteilende »Nachlass« wird durchschnittlich ungefähr 2000 Euro Betriebsergebnis mehr pro Apotheke ausmachen. Auch der Arbeitsmarkt bleibt angespannt. Eine Treuhand-Schätzung zum Personalbedarf der Offizinen zeigt, dass nur 25 Prozent des Bedarfs an Approbierten gedeckt sind, bei den PTA sieht es ähnlich aus. Jenseits dieser Probleme drohe zudem eine mögliche Verschlechterung der Einkaufskonditionen. Deren Ausmaß hänge auch davon ab, wie ein aktueller Rechtsstreit um die rechtliche Zulässigkeit von Skonti beim Bezug von Rx-Arzneimitteln vom Bundesgerichtshof entschieden werde.

Reformpläne: Apotheke ohne Apotheker?

Die Reformpläne des Bundesministeriums für Gesundheit sehen Filialapotheken ohne Labor, ohne Rezeptur, ohne Notdienst und ohne Approbierte vor. »Das wäre der Einstieg in die apothekerfreie Arzneimittelabgabe als Normalversorgung – ein weltweites Novum«, erklärt Dr. Schwintek die Pläne. »Verbunden wäre damit eine Wettbewerbsverzerrung auch zulasten bislang gesunder Apotheken.« Weitere Pläne des BMG sehen eine Reform der Apothekenvergütung vor, um Honoraranreize für strukturschwache Standorte zu schaffen. Dies rieche nach Umverteilung, würde auf eine Schwächung leistungsstarker Betriebe hinauslaufen und gefährdeten Apotheken insbesondere in den Städten nicht helfen.

»Die Aussichten sind wahrlich nicht berauschend, einmal mehr kommt es verstärkt auf Sie als Unternehmer an, alles auf den Prüfstand zu stellen und Ihren Betrieb rentabel und wettbewerbsfähig zu halten durch – wo möglich – Preisanpassungen, die Reduzierung von Kosten, die Hebung von noch vorhandenen Effizienzreserven und die Nutzung innovativer, digitaler Lösungen.«, lautet Dr. Schwinteks Fazit.

Der diesjährige DIALOG hat Ihnen wichtige Werkzeuge und Möglichkeiten der Beratung und betriebswirtschaftlichen Begleitung aufgezeigt – bitte sprechen Sie uns an, wenn Sie Hilfe bei der Umsetzung brauchen.