Corona dauert, E-Rezept kommt: Haben Sie Ihre To-do-Liste für 2022?

Beim diesjährigen Treuhand-Dialog wurde wie üblich die Branchenlage auf Grundlage der Daten für die erste Hälfte des laufenden Jahres 2021 analysiert und mit den entsprechenden Zahlen der ersten Halbjahre 2020 und 2019 verglichen. Um es vorwegzunehmen, es ist ein außergewöhnliches Jahr. 2021 ist ein Jahr, in dem praktisch alle wirtschaftlichen Kennzahlen der Branche mit einer »Coronadecke« überzogen sind.

Gegenüber dem Vor-Pandemiejahr 2019 sind im statistischen Branchenschnitt im 1. Halbjahr 2021 12 Prozent mehr Packungen abgegeben worden, der Gesamtumsatz ist um fast 18 Prozent und der Rohertrag sogar um knapp 28 Prozent gestiegen. Also alles in Butter? Nein. Zerlegt man die Zahlen in die drei Segmente GKV-RX, PKV-Rx und »übriges Sortiment«, ergibt sich ein differenzierter Blick: Während die Packungszahlen bei GKV-Rx und PKV-Rx rückläufig waren, sind sie im »übrigen Segment« um 20 Prozent gestiegen. Und die Veränderung der Roherträge – wieder im Vergleich der ersten Halbjahre 2021 mit 2019 – ist mit 4 Prozent bei GKV-RX und 3 Prozent bei PKV-Rx gering, während das »übrige Sortiment« im laufenden Jahr einen Rohgewinnsprung von + 72 Prozent gegenüber dem Vor-Pandemiejahr verzeichnet. Anders gesagt: Das 2021er Plus wird nicht im Rx-Segment, sondern in den »übrigen Umsätzen« der Offizinen erwirtschaftet.

Dies wirft unmittelbar die Frage auf, was im »übrigen Segment« enthalten ist: Da ist zum einen das komplette OTC-Segment. Dieses ist jedoch wie in den Vorjahren durch Abwanderungen in den Versandhandel mit einem Minus von rund 9 Prozent beim Absatz und 5 Prozent beim Umsatz rückläufig. Zum anderen sind in dem »übrigen Segment« des Jahres 2021 diverse coronabedingte Sonderumsätze enthalten, die für die statistische Durchschnittsapotheke in sechsstelliger Höhe liegen, allerdings je nach Kundenzahl und individueller Teilnahme (z. B. Testcenterbetrieb) variieren. Es gibt diverse Sonderumsätze in der Pandemie, doch ihr gemeinsames Merkmal ist, dass sie temporär sind, also entweder bereits ausgelaufen sind (z. B. Desinfektionsmittel, Gratismaskenabgabe) oder absehbar auslaufen beziehungsweise keine besondere Rolle mehr spielen werden
(z. B. Impfzertifikate).

Es mag sein, dass flächendeckende »3G« oder »2G+«-Regelungen Sonderumsätze aus dem Testcenterbetrieb noch bis ins Jahr 2022 anliften. Doch das betrifft nicht alle Apotheken; hier ist nur rund ein Fünftel der Offizinen involviert. Insgesamt werden diese temporären Sonderumsätze in 2022 nicht erneut anfallen und somit fehlen: Wenn also in 2022 die Coronadecke weggezogen wird, werden praktisch alle relevanten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen auf das Niveau des Vor-Pandemiejahrs 2019 abstürzen. Unter der Coronadecke kommen dann alle alten Probleme wieder zum Vorschein, keines davon ist verschwunden: Personalknappheit, dümpelnde Roherträge, Schließungen, OTC-Konkurrenz durch den Versandhandel. Und dann kommt in 2022 auch noch das E-Rezept. Da mag es ein Trost sein, dass die neue Bundesregierung mit der Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen erst im Herbst 2022 beginnen wird und diese wohl nicht vor 2023 wirksam werden.

Ihre persönliche To-do-Liste 2022

Die dramatischste Änderung beginnt 2022 mit dem Einstieg in das E-Rezept – ein »Game Changer«. Auch wenn es nicht, wie zunächst geplant, gleich zum 1. Januar in Form eines »Big Bang« startet, sondern die Ärzte eher nach und nach umsteigen, sind unternehmerisch agierende Apothekeninhaber/innen gut beraten, dazu für 2022 eine persönliche To-do-Liste zu erstellen, die aus einem Pflicht- und einem Kürteil bestehen sollte:

Pflichtprogramm: Für jede Offizin ist es – um überhaupt Umsatz mit E-Rezepten tätigen zu können – absolut unverzichtbar, im rein technischen und organisatorischen Sinne »E-Rezept-ready« zu sein. Sind alle technischen Komponenten der Telematik-Infrastruktur (auch in ausreichender Anzahl) voll funktionsfähig vorhanden? Haben Sie Fördermittel beantragt? Haben auch alle angestellten Approbierten elektronische Heilberufsausweise? Ist Ihr apothekenspezifisches QMS aktualisiert: Welche Standardablaufprozesse ändern sich sofort, welche nicht oder erst später? Zum Pflichtprogramm gehört, dass die geänderten Ablaufprozesse nicht nur im QMS stehen, sondern von allen betroffenen Mitarbeitern rechtzeitig trainiert worden sind.

Kürprogramm: Das E-Rezept gibt Ihren Kunden neue Verhaltensmöglichkeiten. Diese werden auf vielfältige Weise mehr oder weniger stark genutzt werden. Auch wenn eine nennenswerte Zahl Ihrer Kunden sich den Einlösecode als Papierausdruck geben lässt und diesen wie das alte rote Papierrezept in ihrer Stammapotheke vor Ort einlöst – so wird doch eine signifikante Kundenzahl die digitalen Tokens nutzen. Und was diese Kunden damit können, erfahren Sie, indem Sie sich die E-Rezept-App anschauen. Wenn Sie nicht ab dem 1.1.2022 von Ihren Kunden überrascht werden wollen, sollten Sie das jetzt schon tun. Die Kunden können dann nicht nur Rezepte aus der Ferne einlösen, sondern auch Verfügbarkeitsanfragen stellen, nach Apotheken mit Botendienstservice suchen und so weiter. Sie sollten deshalb über kundenspezifische Zusatzprozesse nachdenken, die Sie in Ihre konkrete betriebliche Aufbau- und Ablauforganisation einbauen können. Einige Beispiele gefällig? Bitte sehr:

  • Stammkunden: Lasse ich meine Kunden mit dem Standardablauf der Rezeptablösung alleine oder helfe ich beispielsweise älteren Patienten mit Handy, anstatt des Papier-Tokens die E-Rezept-App zu nutzen – das haben Sie ja bei den Impfzertifikaten schließlich auch als Service angeboten. Wie organisiere ich das in meiner Apotheke? Oder: Bewerbe ich zusätzliche Gesundheitsplattformen?
  • Kunden mit Botendienstwunsch: Biete ich das offensiv an? Will ich dazu mein Botendienstkonzept überarbeiten? Muss ich dabei »schneller als Amazon« sein?
  • Click & collect-Kunden: Will ich diese (im Vergleich zum Botendienst preiswerte Methode) beispielsweise mit Abholfächern stimulieren? Möchte ich das aktiv bewerben?
  • Telepharmazeutische Beratung: Soll ich beginnen, einen virtuellen Arbeitsplatz zur pharmazeutischen Beratung einzurichten, mit dem ich auch zugleich den ganzen Telefonbetrieb optimieren kann? Kann ich damit auch bei geschlossener Apotheke für die Kunden präsent sein, die nach Schließung Rezepttokens einreichen? Kann ich das »klein« beginnen und später nach oben skalieren? Welche Mitarbeiterin kann Videoberatung, braucht sie dazu ein Coaching?
  • Noch-nicht-Kunden und Ab-und-zu-Kunden: Selbst, wenn Sie an Ihrem Standort der »Platzhirsch« sind, haben Sie nur einen Teil der Einwohner als Kunden – Sie könnten also neue Kunden anpeilen. Und das E-Rezept macht aus so manchen bislang häufigen Präsenzkunden Ab-und-zu-Kunden – da müssen Sie lernen, auch über die Distanz Kontakt zu halten. Anders gesagt: Sie sollten sich fragen, ob Sie nicht einen Teil Ihres bisherigen Werbebudgets umwidmen und sich in sozialen Netzwerken präsentieren: Was spricht denn dagegen, bei Facebook in Ihrer PLZ-Region eine Weihnachtsverlosung zu veranstalten oder sich zum Einschulungstermin was einfallen zu lassen?

Wie auch immer Ihre persönliche To-do-Liste für 2022 am Ende aussehen mag – wichtig ist, dass Sie eine haben. Es geht um die Frage, ob Sie ihre Apotheke treiben lassen oder unternehmerisch steuern.

28.12.2021
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