Gesundheitsbranche 2021/2022

Unser Branchenausblick auf 2022 inklusive Fazit für 2021: Coronadecke, Ärzte und Ampelkoalition.

Rückblick auf 2021

Auch wenn die Daten noch vorläufig sind, zeigen sich doch schon Konturen ab. Der Apothekenmarkt war 2021 erneut in außergewöhnlicher Weise durch die Corona-Pandemie gekennzeichnet, die das »normale« Branchengeschehen sowohl auf der Leistungs- als auch auf der Umsatzseite mit einer »Coronadecke« überzog. Coronaspezifische Zusatzleistungen wie die staatlich beauftragte Verteilung von 250 Millionen FFPS-Gratismasken, die Ausstellung von etwa 50 Millionen Impfzertifikaten, die Abgabe von mehreren hundert Millionen Covid-Schnelltests sowie die Versorgung von etwa 60 000 niedergelassenen Ärzten und Betriebsärzten mit schätzungsweise 80 Millionen Covid-Impfdosen betrafen alle Apotheken. Phasenweise waren bis zu 6000 Apotheken zusätzlich mit dem Betrieb sogenannter Bürgertestzentren involviert – nachdem im Spätsommer viele Apotheken aus dem Testbetrieb ausgestiegen sind, haben seit Herbst 2021 manche den Betrieb erneut aufgenommen.

Obwohl im Bereich der rezeptfreien Arzneimittel die Apotheken auch in 2021 Marktanteile an den Versandhandel verloren, die sonst übliche Erkältungs- und Grippewelle im Frühjahr ausblieb und zudem die Packungszahlen bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln stagnierten, führten insbesondere die coronabedingten Sondervergütungen dazu, dass die Umsatzerlöse im rechnerischen Durchschnitt 2021 erstmals die Marke von 3 Mio. Euro Nettoumsatz erreichten und sich damit um rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöhten. Dabei ist jedoch zweierlei zu beachten:

Der Umsatzsprung und die damit einhergehende Verbesserung der Betriebsergebnisse sind in wesentlichen Teilen nur vorübergehender Art und werden sich deshalb mit der Pandemie zurückbilden: Nach unseren Analysen beträgt die temporäre »Coronaquote« am Betriebsergebnis je nach Umsatzgrößenklasse etwa 30 bis 70 Prozent!

Auch im Jahr 2021 ist die Marktspreizung zu berücksichtigen: Ein Fünftel der Betriebe hatte ein Umsatzminus zu verzeichnen und war damit völlig vom Markttrend abgekoppelt. Das erklärt, warum sich auch in 2021 die Zahl der Apotheken per Saldo um knapp 300 Betriebe reduziert hat, was ziemlich genau dem Trend der letzten Jahre entspricht.

Blick auf die Ärzte

Da die Apotheken von der Lage bei den Ärzten betroffen sind, lohnt sich ein Blick auf den benachbarten Heilberuf:
2021 war auch für die niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte in höchstem Maße durch die Corona-Pandemie gekennzeichnet. Nach Angaben der KBV hat sich die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte in 2021 im Vergleich zum Vor-Pandemie-Jahr 2019 auf rund 1 Milliarde erhöht und damit fast verdoppelt. Bei den unmittelbar in die Covid-Versorgung involvierten 60 000 (vorwiegend hausärztlichen) Praxen wurden rund 200 Millionen PoC-Tests, 21 Millionen PCR-Tests, 80 Millionen Covid-Impfungen durchgeführt – davon 90 Prozent außerhalb der üblichen Sprechzeiten. Die Zahl der abgerechneten Videosprechstunden hat sich von 3744 in 2019 über 1,5 Millionen in 2020 auf rd. 2,3 Millionen bereits im ersten Halbjahr 2021 erhöht! Gleichzeitig lagen in 2021 im ersten Halbjahr die Fallzahlen (ohne Tests, Impfungen usw.) niedriger als in 2019 – hier sind insbesondere die Fachärzte betroffen und zwar weniger bei »sprechenden« und mehr bei »apparateintensiven« Richtungen. Erst im zweiten Halbjahr 2021 haben Nachholeffekte eingesetzt. Bemerkenswert ist die Zunahme der Fallzahlen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in 2021 um 8 Prozent gegenüber 2019. Die niedergelassenen Ärzte sind also nicht gleichförmig von Corona betroffen.

Wegen der zeitversetzten Leistungsabrechnung werden einzelwirtschaftliche Daten zu den Arztpraxen erst im weiteren Verlauf 2022 vorliegen. Doch für die niedergelassenen Ärzte insgesamt wurden in 2021 nach vorläufigen Zahlen 4 – 5 Milliarden Euro an Corona-Sondervergütungen aufgewandt – zum Vergleich: Das GKV-Honorar der Ärzte betrug 2021 44 Mrd. Euro. Allerdings ist bei den Ärzten wie bei den Apotheken der temporäre Charakter dieser Effekte zu berücksichtigen.

Pläne der Ampelkoalition

Die »Ampel« hat zwar in ihrem Koalitionsvertrag auch gesundheitspolitische Vorhaben fixiert, doch de facto ist ihre Arbeit auf diesem Politikfeld bislang komplett durch die Covid-Pandemie bestimmt. Insofern wird es noch dauern, bis hier Konkretisierungen vorgelegt werden. Hier einige der »big points« auf der Agenda:

Telematik: Der für den 1.1.2022 vorgesehene Start des E-Rezeptes wurde zwar verschoben, weil zunächst eine ausreichende Testung erfolgen soll, doch die Einführung von eRp und ePA stehen sehr weit oben auf der Agenda der Ampel. So soll die GEMATIK zu einer »digitalen Gesundheitsagentur« ausgebaut werden. Die Finanzierungsgrundlage dafür hat noch die GroKo gelegt. Die Erfolgsaussichten sind hoch, denn der Widerstand insbesondere der Ärzte zum Mitmachen beim eRp wird sich bei Gewährung von Klickvergütungen je Rezept schnell in eine Mitmachbereitschaft wenden.

Apotheken: Mit einer Novelle des Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetzes sollen pharmazeutische Dienstleistungen in eine bessere Nutzung gebracht werden und Botendienste verordnungsfähig werden. Der Nacht- und Notdienstfonds soll zu einem »Sicherstellungsfonds« ausgebaut werden. Das ist grundsätzlich eine positive Nachricht für die Branche. Doch die Frage ist, ob dafür zusätzliches Honorar bereitgestellt oder vorhandenes Honorar »umgewidmet« wird.

Ambulant-ärztliche Versorgung: Die hausärztliche Versorgung soll durch den Wegfall der Budgetierung weiter gestärkt werden. Zugleich laufen die Pläne aber darauf hinaus, die Rolle insbesondere der Facharztpraxen strukturell zu verändern: Die Gründung kommunaler MVZ soll erleichtert werden. Die Vergütung der Fallpauschalen für Klinken und Arztpraxen soll sektorengleich erfolgen. Integrierte, multiprofessionelle Notfallzentren sollen ein eigener neuer Leistungssektor im Gesundheitswesen werden. In »benachteiligten Kommunen« (das sollen fünf Prozent sein) sollen »Gesundheitskioske« für Krankheitsbehandlung und Prävention entstehen. Gemeindeschwestern und Gesundheitslotsen sollen insbesondere in der ländlichen Versorgung Aufgaben von Ärzten übernehmen. Die geplanten Neuregelungen weisen zum einen in eine Richtung, in der insbesondere die freiberuflichen Ärzte der Konkurrenz durch kommunale MVZ, Notfallzentren, Kliniken und Gesundheitskioske ausgesetzt werden. Zum anderen sollen durch die Delegation bislang ärztlicher Leistungen an nicht-ärztliche Fachberufe sowie durch die Forcierung telemedizinischer Leistungen die ambulant-ärztlichen Versorgungsstrukturen verändert werden. Das hätte dann auch einen Reflex auf die Arzneimittelversorgung.

23.09.2022
Frank Diener

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Dr. Frank Diener
Diplom-Volkswirt, Generalbevollmächtigter, Treuhand Hannover GmbH Steuerberatungsgesellschaft
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