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Heute Mitarbeiter – morgen Chef

Die eigene Apotheke
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Ein fließender Übergang oder ein Sprung ins Ungewisse? Spagat auf dem Weg ins unkalkulierbare Risiko oder eleganter Salto vorwärts? In die Komfortzone hinein oder komplett aus ihr heraus? Apothekencoach Monika Raulf hat nachgefragt.

»Würden Sie es heute noch einmal genau so wieder machen?« Dies ist eine von zwanzig Fragen, die ich allen Interviewpartner gestellt habe. Von jedem Einzelnen habe ich ein »Ja« als Antwort bekommen. »Haben sich die Probleme, an die Sie vorher gedacht haben, als so gravierend herausgestellt, wie im Vorfeld von Ihnen befürchtet?« Alle antworteten darauf mit einem »Nein«. Damit könnten wir es auch schon gut sein lassen und anhand dieser von mir entworfenen – wohlgemerkt statistisch nicht signifikanten – Abfrage das Prädikat »empfehlenswert« vergeben. Lassen Sie uns stattdessen entdecken, welche individuellen Erlebnisse, Erfahrungen und Hinweise zu diesen Aussagen führten und in wieweit wir hier Rückschlüsse auf die Allgemeinheit ziehen können.

 

Ist dieses Thema überhaupt relevant? 

Das war eine der ersten Fragen, die ich mir selbst gestellt habe. Direkt gefolgt von: Wie häufig wagen denn angestellte Approbierte in der heutigen Zeit den Schritt und übernehmen eine Apotheke? Beide Fragen waren sehr schnell mit einem klaren »Ja, relevant, weil häufig und zwar zunehmend« beantwortet. Da ich einen Beitrag auf Facebook erstellt hatte, mit der Frage, wer sich als Interviewpartner zur Verfügung stellen würde, bekam ich nicht nur auf die Suchanfrage Nachrichten, sondern wurde auch nach den möglichen Ergebnissen und Auswertungen gefragt. 

 

Der/die ein oder andere scheint sich auf genau diesem Weg in die Selbstständigkeit zu befinden. Und das ist sicherlich eher untertrieben. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen in das abgabefähige Alter. Eine Aussage, die sich auch in den Zahlen widerspiegelt. 2014 lag laut ABDA das Durchschnittsalter der Leiter einer öffentlichen Apotheke bereits bei 51,5 Jahren. Das bedeutet nicht nur, dass viele Apotheken in naher Zukunft übergeben respektive übernommen werden, sondern auch, dass interessierte KäuferInnen eine zunehmend große Auswahl an Kaufobjekten haben werden. Diese Welle an Abgaben beginnt zu rollen – für beide Parteien. Sich hier professionell begleiten zu lassen ist vermutlich ein Hinweis, der für viele selbstverständlich ist. Möglichkeiten, Gestaltungsmodelle und Angebote sind vielfältig und bedürfen einer ganz individuellen Sondierung. Ein Thema also von aktuellem und übergeordnetem Belang, das von der Treuhand Hannover unabhängig moderiert und unter klarer Trennung der Rollen begleitet werden kann.

Der Übergang vom Mitarbeiter zum Chef
Was ist nun das Besondere an dem Übergang vom Mitarbeiter zum Chef? Wollen wir das nicht alle? Irgendwann, irgendwo? Nein, wollen wir nicht. Müssen wir auch nicht. Der Arbeitsplatz Apotheke bietet abgesehen von der klassischen Variante der Anstellung eine sehr elegante (Zwischen-)Lösung für all die Approbierten, die sich aus welchen Gründen auch immer gegen eine eigene Apotheke entscheiden: die Filialleitung. Und auch dies ist nicht nur laut aktuellen Zahlen eine interessante, attraktive Alternative – denn es gibt zunehmend Apotheken mit mehreren Filialen. Die Gesamtzahl nimmt zwar seit 2011 ab, allerdings ist der Anteil der Filialen 2017 auf 22,8 Prozent gestiegen. Dies spricht für eine erhöhte Anzahl größerer Filialverbünde, die ganz neue Arbeitsfelder eröffnen.

Diejenigen approbierten Kollegen, die sich für die Übernahme der Apotheke entschieden haben, in der sie teils seit mehr als zehn Jahren gearbeitet haben, erzählten unisono, dass sie den unschlagbaren Vorteil gehabt haben, quasi den Betrieb von innen nach außen begutachten zu können. Eine innere Bestandsaufnahme machen zu können, hat unglaublichen Charme – Zahlen, Daten und Fakten ergänzen zu können mit dem eigenen Bauchgefühl. Die Kenntnis, worauf lasse ich mich denn da eigentlich ein.

Den Betrieb von innen kennenlernen
Auch die Kollegen mit Stärken und Schwächen in- und auswendig zu kennen und sie so in der Rolle als Chef ganz individuell motivieren und führen zu können, ist ein Vorteil – was allerdings auch bedeutet, dass frühere Freundschaften einer gewissen Distanz weichen können, teils müssen, um zum Beispiel unpopuläre Entscheidungen treffen und verantwortungsvoll vertreten zu können. Sei es die jährlich wiederkehrende Urlaubsbesprechung, Negativbotschaften zu übermitteln oder auch die Verteilung unliebsamer Aufgaben im Rahmen einer Teamsitzung. Gerade zu Beginn einer Cheftätigkeit, so wurde geschildert, sind dies Hürden, die es zu nehmen gilt.

»Werde ich überhaupt ernst genommen?«, war eine Frage, die sich eine junge Kollegin vor dem Ja zur Übernahme gestellt hat. »Überhaupt kein Thema«, so ihre Erfahrungswerte. Ganz im Gegenteil: Mit klar kommunizierten Entscheidungen, der Fähigkeit, Ziele und Aufgaben nachhaltig zu verfolgen und hoher Problemlösungsbereitschaft ist jeder Zweifel an Glaubwürdigkeit oder Akzeptanz überflüssig. Spannend: Viele Kunden, so einige Interviewpartner, wissen gar nicht, wer generell welche Entscheidungsbefugnis im Apothekenalltag hat. Auch von dieser Seite also sind jedwede Bedenken nichtig.

Große Chance oder finanzielles Risiko?
Für die, die sich nun die Altersfrage stellen möchten: Auch hier Einigkeit bei den von mir Befragten. Je jünger, desto besser. Allerdings ausschließlich aus finanzieller Sicht. Immer mit dem Hinweis darauf, dass bis zum Übernahmezeitpunkt ausreichend Berufserfahrung gesammelt werden konnte. Was das Wort »ausreichend« genau bedeutet, entscheidet wahrscheinlich am besten jeder für sich selbst. Wie auch die Beantwortung der Frage, wie viel Kapital man bereit ist, für welchen Zeitraum aufzunehmen und sich so zu binden.

Ich mag Ihnen die Antwort eines Kollegen nicht vorenthalten, der so weit ging, dass er empfahl – falls möglich – keine so große Investition vorzunehmen, dass diese nicht in irgendeiner anderen Form, abgesehen von den erwirtschafteten Betriebsmitteln, abgezahlt werden könnte. Plan B sollten Sie laut diesem Ratschlag also in der Schublade liegen haben. Ganz besonders dann, wenn eine Familie ernährt werden möchte und der Wert der Sicherheit und Absicherung großgeschrieben wird. In der heutigen Zeit schnallen die äußeren Rahmenbedingungen das Korsett immer enger. Dies zu wissen, kann im Moment der Kaufüberlegung sicherlich Sorgen und Ängste bereiten und so zu einem genauen Abwägen führen, denn auf der anderen Seite der Waagschale befindet sich ein unglaubliches Wachstumspotential und eine immens große Chance.

Wichtige Fragen und Vorarbeit
Zu Beginn des Artikels wurde die Frage gestellt, ob es sich um einen fließenden Übergang handelt. Und genau das ist der Fall. Ein Prozess, der sich teils über ein bis zwei Jahre ziehen kann und stets begleitet werden sollte von Fragen, die jeder gute Coach auch stellen würde. So unter anderem: Welches Ziel verfolge ich mit dem Rollenwechsel? Was genau reizt mich an der Idee, ChefIn meiner eigenen Apotheke zu sein? Worum geht es mir wirklich? Kann ich meine Werte leben (und zwar über einen sehr langen Zeitraum)? Was wird mein größter Gewinn sein? Was mein größter Verlust? Bin ich bereit, diesen zu zahlen? Werde ich mich als Approbierter mit erweiterter Verantwortung, als ApothekeninhaberIn oder gar als Unternehmer sehen? Was bedeutet das für meine täglichen Abläufe? Bin ich bereit, mich der erweiterten Verantwortung zu stellen? Kann ich dem möglichen Druck der finanziellen Belastung standhalten? Bin ich neugierig und flexibel genug, mich den notwendigerweise sich neu stellenden Aufgabengebieten und Herausforderungen zu stellen? Wie ist das mit der Kombinierbarkeit von Beruf und Familie? Beruf und Freunden? Urlaub – geht das noch? Wenn ja, wie häufig und was wird er mich inklusive Vertretung kosten?

Um all diese Gedanken reifen zu lassen, braucht es Zeit. Und immer wieder ein genaues In-sich-hineinhören und -spüren, was das Richtige sein kann und wird. Coachformate, die hier im Vorfeld hilfreich sein können, sind Visions-und Zielearbeit, Werteanalyse sowie Wertehierarchie und das Anlegen einer SWOT-Liste zur strategischen Planung. Diese Liste können Sie auch nach der Übernahme weiterbearbeiten, so dass Sie hier in einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) gelangen. Legen Sie schon einmal ein Triple-A und Triple-Z Protokoll an und finden Sie heraus, welche Kollegen/ Kolleginnen Sie auf welche Art und Weise fördern und fordern können. Und wo möglicherweise Defizite vor dem Kauf herrschen, die Sie dann aufgrund der Antizipation sehr elegant und zügig beheben können.

»Kettenhund-Apotheker«
Alle meine Interviewpartner haben Abgleiche ihrer Überlegungen und Gedanken gesucht, und Freunde, Familie, Kommilitonen und professionell Ratschlag gebende Unterstützer um Feedback gebeten. Das hat sie während der kompletten Entscheidungsfindung wohltuend begleitet. Manche Hinweise, so einige Schilderungen, waren merkwürdig ablehnend, reserviert und einen Erwerb abratend. Obwohl die Betreffenden selbst InhaberInnen sind und waren. Diese Negativempfehlungen schienen eher durch eigene Unzufriedenheit, mangelnde Work-Life-Balance sowie hohe finanzielle Belastungen geprägt zu sein.

Und dies ist nur zu gut nachvollziehbar: Landapotheken allein zu führen, obendrauf Notdienste im Wochen- oder Zehntagestakt zu leisten, den Krankenkassenreglementierungen und Retaxationswahnsinn zu tragen und gleichzeitig noch einen begeisterten Job abzuliefern, ist tatsächlich alles andere als leicht. Hier fiel ein Begriff, den ich gerne zitieren möchte, da er fast selbsterklärend ist: »Kettenhund-Apotheker«. Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Lesen dieses Begriffes geht. Mein Kopfkino ist sofort angesprungen. Diese Form der Apothekenleitung beinhaltet alle nur denkbaren Rollen, die Verteilung der Last stelle ich mir sehr einseitig vor (um das mal positiv auszudrücken) und der Spaßfaktor tendiert für mich gegen Null, da hier unterschwellig ein »Muss« mitschwingt und Wahlmöglichkeiten ausgeschlossen scheinen.

Welcher Chef wollen Sie sein?
Kommen wir noch auf einen sehr wichtigen Punkt zu sprechen: den der Rolle, in der man sich als Chef sieht. Ganz klar in einer verantwortlichen Position mit einem anderen Blick auf den Betrieb. Finanzielle Sicherheit für die nun angestellten Mitarbeiter zu gewährleisten, kleine Details zu sehen und auch noch das Große und Ganze zu berücksichtigen, ist allen Rollen gemeinsam. Doch wo liegt der Fokus? Sehe ich mich als Unternehmer? Dann verschiebt sich mein Aufgabengebiet mehr Richtung Organisation und Führungs- und Verhandlungsmanagement (wie bei den bereits oben erwähnten Filialverbünden). Delegieren ist angesagt und der direkte Kundenkontakt am HV tritt oftmals in den Hintergrund. Ich arbeite hier am Betrieb und viel weniger im Betrieb.

Sehe ich mich als Apothekenleiter und verteile meine Zeit zwischen Schreibtisch und HV, so habe ich eine Rollenvermischung, die sehr bewusst getrennt werden darf und oftmals zu sehr zeitintensiven Arbeitseinsätzen führt. Gerade dann, wenn betriebswirtschaftliche Grundlagen erst noch erlernt werden dürfen und gedanklich noch nicht durchexerziert sind. Das kann dazu führen, dass den Kindern das ein oder andere Mal per Telefon gute Nacht gesagt werden muss – kurz vorm Zählen der Kasse und unaufschiebbaren Einpacken der Rezepte, die morgen früh abgeholt werden.

Eine Zwitterposition, die weiter den Aspekt des angestellten Approbierten im Vordergrund sieht, ist hier die Filialleitung. Oft werden betriebswirtschaftliche Aspekte und die Zahlen und Daten vom Inhaber/ der Inhaberin miterledigt, die Möglichkeiten Entscheidungsträger zu sein, Entwicklung voranzutreiben und Veränderungen zu bewirken sind hingegen wahrscheinlich und größer. Gleichzeitig ist es ebenso möglich, weiterhin »das Gesicht der Apotheke« zu bleiben und sehr nah am Kunden, am Menschen zu arbeiten. Oder ist am Ende die Erkenntnis doch die, dass ich dem Betrieb als MitarbeiterIn erhalten bleiben sollte und als sehr guter angestellter Approbierter oder Approbierte ein immenser Erfolgsfaktor bleiben kann – und möchte?

Ein Prozess, der dauern darf
In der Zusammenfassung dürfen wir festhalten: Es ist ein Prozess, der den Mitarbeiter auf dem Weg zum Chef erwartet. Kaum jemand wird als Chef geboren. Manchmal ist auch die Vorbereitung auf dem Weg zur Entscheidung das Ziel. Beschäftigen Sie sich also mit der Idee, den Schritt vom Mitarbeiter zum Chef zu gehen, so sind Sie nicht in der Sprintdistanz unterwegs, sondern dürfen sich auf einen Marathon einstellen. Teilen Sie Ihre Kräfte gut ein. Starten Sie ruhig und besonnen. Planen Sie aktive Erholungspausen ein. Nutzen Sie alles, was Sie unterstützen kann. Finden Sie Ihre eigene Strategie und gehen Sie ihr eigenes Tempo – altersunabhängig, gelegentlich (und oft nur vorübergehend) Gegenwind berücksichtigend, von der Gemeinschaft getragen und zielstrebig ihrem Finish entgegen. Feiern Sie jeden Schritt, der Sie voranbringt. So klein und unbedeutend er für andere auch zu sein scheint.

So wie meine Interviewpartner, bei denen ich mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich und sehr herzlich bedanken möchte, auf der Strecke unterwegs waren und ab und an ins Nachdenken kamen, so wird es auch Ihnen als zukünftiger Chef der eigenen Apotheke gehen: physisch und  psychisch eine Herausforderung, die es sich lohnt anzunehmen. Wie hat Curt Götz so schön gesagt? »Man soll die Dinge nehmen, wie sie kommen. Aber man sollte dafür sorgen, dass die Dinge so kommen, wie man sie nehmen möchte!« In diesem Sinne ein für Sie zuträgliches Rennen mit nur den Dingen, die sie nehmen möchten – ob als Mitarbeiter oder als Chef – , wünscht Ihnen Ihre Monika Raulf

03.12.2018
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