Perspektive Kritik – Lediglich die große Schwester des Feedbacks?

Kritik und Kritisieren. Nur selten erwünscht und häufig in eine Schublade gesteckt mit Feedback. Das Gegenteil von Lob. Am liebsten positiv. »Ich soll Kritik ja jetzt positiv formulieren: Einer von uns beiden ist ein besserer Mensch als Du.« Doch was ist Kritik genau? Im ursprünglichen Sinne? Im philosophischen Kontext? Und wie können wir all diese Aspekte auf unsere Apothekensituation übertragen und so den größtmöglichen Nutzen ziehen?

George Bernhard Shaw formuliert es so. »Die Menschen lassen sich lieber durch Lob ruinieren als durch Kritik bessern.« Wir alle mögen positive Verstärkung. Doch leider verschafft sie uns nur selten den nötigen Antrieb aus unserer Komfortzone heraus – hinein in die verantwortliche Veränderung. Sie erinnern sich? Unsere diesjährigen perspektivischen Erweiterungen »Verantwortung« und »Veränderung« werden nun durch das große Thema »Kritik« komplettiert. Dem Zitat Shaws dürfen wir entnehmen, dass Kritik durchaus einen grundsätzlich zuträglichen Charakter hat und Lob nicht zwingend der Weiterentwicklung dient. Auf dem Weg hin zur praktischen Anwendung differenzieren wir zunächst zwischen Feedback und Kritik.

Die Übergänge scheinen fließend: Beide Formen der kommunikativen Rückmeldung beziehen sich auf Situationen oder Objekte in der Vergangenheit, die der Aussprache bedürfen. Zumindest aus Sicht desjenigen, der sie als bemerkenswert oder problematisch empfunden hat (Schon an dieser Stelle dürfen Sie gedanklich in genau solche Momente eintauchen, die Ihnen bei dieser Beschreibung direkt in den Sinn kommen!). Beide Ansätze verfolgen das Ziel einer Verbesserung und sind grundsätzlich zukunftsorientiert. Auch die Dualität ist in beiden Fällen kennzeichnend: eine Polarität aus Geben und Nehmen existiert. Feedbackgeber und Feedbacknehmer.

Das Sandwich-Prinzip

Nicht unbekannt ist das sogenannte Sandwich-Prinzip. Positiv starten und enden, symbolisiert durch die Sandwich-Scheiben. Empfohlen eher die Vollkorn-Variante – labberiges Weißbrot kann einen faden Beigeschmack verursachen! In der Mitte die Füllung, die des Verdauens bedarf. Der bitter-süße Aspekt, der erst durch die bewusst gewählte Umhüllung geschmacklich interessant wird und trotz gewisser Schärfe langfristig als Bereicherung wahrgenommen werden kann. Im herkömmlichen Sinne geht es der Kritik nicht anders. Kritikgeber und im besten Falle ein Kritiknehmer mit hoch entwickelter Kritik-Kompetenz. Denn hier unterscheiden sich die beiden Konzepte. Wo das Feedback aus einer persönlichen Sichtweise kommt, da bewegt sich die Kritik aus einer unpersönlicheren Ecke auf uns zu.

Wikipedia bietet folgende Definition an: »Unter Kritik versteht man die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben.« Hier steht derjenige, der kritisiert, mit seiner persönlichen Einschätzung im Hintergrund. Relevant für die Bewertung sind die geltenden Maßstäbe. Und Achtung: Das kleine Wort »Bewertung« zeigt schon an, dass es ungemütlich wird. Wahlweise für den Kritisierten. Wer will schon gern bewertet werden? »Das ist schlecht gelaufen.« »Diese Aktion war nicht gut überdacht.« »Das muss besser werden.« Hier ist Kritik-Kompetenz gefragt! Hören wir auf einer Beziehungsebene, so sind wir direkt, wie beim Monopoly-Spiel auch, ohne »über Los zu gehen«, im Krisengebiet der Emotionen.

Nur reichlich Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstkritik helfen in diesen Momenten. Sind diese nicht gut ausgeprägt, wird Kritik jedweder Form als verletzend empfunden. Auch führt dies – wir lesen das Marker-Wort »Selbst« – weiter in eine Trennung. Eine Trennung von »Ich« und Du«. Und das gerade dann, wenn es um gemeinsame zukünftige Weiterentwicklung gehen sollte. Daher ist es, wie stets, ein guter Ratschlag, auf dem Sachohr ganz neutral zu hören, so dass kritische Stimmungsbilder erst gar nicht auftauchen können. Apropos Ratschlag. Ebenfalls eine Variante der Meinungskundgebung. Doch Ratschläge können, wie das deutsche Wort so schön vorgibt, durchaus Schläge sein. Also Obacht!

Zurück zur Auseinandersetzung mit der Kritik: Nach welchen Maßstäben genau wird hier bewertet? Diese Frage bringt uns zu einem Kernaspekt der Kritik, der so gut wie nicht mehr berücksichtigt wird. Diese ursprüng­liche, zugegebenermaßen philosophisch angehauchte Thematik beleuchtet eine Facette, die erst die wahre Brillanz eines kritischen Geistes zum Leuchten bringt.

Die übergeordnete Ebene der Kritik

Der Philosoph Foucault vertrat die Meinung, dass Kritik sich nicht in einem vorgegebenen Rahmen bewegen darf. Dass Kritik sich nicht an den vorhandenen Regeln orientieren darf. Dass Kritik auch diese Maßstäbe sprengen muss, wenn sie eine perspektivisch erweiternde sein will. Der kritische Verstand beschränkt sich demzufolge nicht auf aktuell gültige, auf strukturell gewachsene oder auf traditionell herkömmliche Denkweisen. Und, Sie ahnen es, es wird schon wieder ungemütlich. Große Kritiker setzen an übergeordneter Stelle an. Sie schauen aus der Adlerperspektive auf den gesamten Kontext. Sie denken außerhalb des Systems. Dort, wo es beim Feedback Regeln gibt, existieren für die Kritik keine Grenzen in puncto Regelbruch. Die Übermittlung des Ergebnisses hingegen darf wieder sozial kompatibel erfolgen: Konstruktiv, positiv und wertschätzend. Statt destruktiv, negativ und vernichtend. Es resultiert aus der Kritik also eine Bewertung, die eine Lösung außerhalb vorgegebener Denkstrukturen mit sich bringt und im besten Fall im geltenden System eine Verbesserung bringt. Klingt kompliziert? Ja und Nein.

Profanes Beispiel: Berufsbekleidung. Das gewachsene System gebot das Tragen weißer, gestärkter Kittel. Einzige Entscheidungsfreiheit, die Wahl der Form. Neuere Bewertungen ließen zu, dass auch eine Wahl zwischen, sagen wir einmal, Eppendorfer und weißer Hose plus gleichfarbigem Oberteil möglich wurde. Kritische Stimmen wandten ein, ein wenig Farbe schade den Hygienestandards nicht und davon abgesehen, sei das nun auch nicht mehr der geltende Maßstab. Aha! Da ist die Foucault‘sche Kritik! Und siehe da – mittlerweile entscheiden sich viele Apotheken für das Tragen auch privater Kleidung.

Was für den Textilbereich gilt, können wir auch auf unsere tägliche Beratungsleistung übertragen. Wo früher die reine Abgabe plus im besten Falle mündliche Übermittlung der Einnahmeanweisung als Standard galt, ist heute die leitliniengemäße Beratung in fließdiagrammartiger Genauigkeit der gewünschte Eintrittspunkt in die umfassende Beratung. Kritische Geister vor! Was gibt das System Beratung denn in der aktuellen Zeit her? Können wir zur Zeit unserer Beratungsaktivität noch so frönen, wie wir uns das früher einmal erlaubt oder vorgestellt haben? Üben wir unseren Heilberuf noch in der Gänze aus, wie wir uns das ehemals vorgestellt haben?

Was wäre wenn? Das Schauen über den Tellerrand

Achtung: Triggeralarm! Und schränken wir uns nicht selbst ein, wenn wir mit der umfassenden Beratung im HV aufhören? Was wäre, wenn das – in Analogie zu dem oben beschriebenen – erst der Startpunkt wäre? Was wäre, wenn wir – und das wird meines Erachtens sowieso über lang oder kurz der Fall sein – genau dies den digitalen Schnell-Lösungs-Findern überlassen und uns auf unsere humanen Kompetenzen konzentrieren? Stichwort Medikationsanalyse. Ein neues Feld der Dienstleistung eröffnen. Und uns im Medikations-Management-Team zentral positionieren! Die Nähe zum Patienten nutzen und in einen erweiterten Kommunikationsraum eintreten? Derzeit gültige Maßstäbe hinter uns lassen und über die reine Ergebnisübermittlung hinausgehen? Die Umsetzung fördern weit über das Pharmazeutische hinaus. Unser heilberufliches Verständnis Richtung systemisch verstandener Gesundheit erweitern. Neue Perspektiven entstehen! Genau darum geht es der Kritik eigentlich.

Betrachten wir Kritik also als mehr als nur die Schwester des Feedbacks. Bedienen wir uns einer anderen – kulinarisch für den ein oder anderen wertvollen – Metapher. Kritik ist wie ein exzellenter Rotwein. Nach langem Reifeprozess in einem edlen Gefäß kunstvoll in einem stilvollen Ambiente präsentiert, kann er zu einer Geschmacksexplosion der Extraklasse führen – um möglichst weich im Abgang zu nachhaltigem Genuss zu führen.

Kritik ist zu unrecht in die Kritik gekommen

Wir halten fest, dass Kritik den Foucault’schen Rahmenbedingungen nach zu Unrecht in die Kritik gekommen ist. Dass Kritik eine Kunst ist, die Ruhe erfordert und weit mehr ist als ein entgegengeschmetterter undurchdachter Satz, der vermutlich Eigenbestätigung fordert und Frustration entlädt. Kritik prüft – wahlweise wohlwollend und stetig und sie hinterfragt. Gibt sich nicht mit dem Oberflächlichen und Sichtbaren zufrieden. So, wie auch wir als Apothekerschaft aufgefordert sind, das nicht zu tun.

Gerade in diesen Zeiten, in denen sich innerhalb geltender Maßstäbe so viele Veränderungen ergeben, in denen wir erweiterte Verantwortungen übernehmen. Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt sehr kritisch die teils seit Jahrtausenden geltenden Bewertungsstrukturen, die für unseren Beruf gelten, zu analysieren. Und zwar, Foucault Folge leistend, außerhalb gültiger Paradigmen. Welche Zukunft wartet auf uns? Und ist es nicht die beste Entscheidung, nach kritischer Bewertung die Zukunft zu planen als zu fragen, wohin sie uns tragen wird?

Wir schließen mit dem Aufruf zur Kritik!

Lassen Sie uns gemeinsam die Entscheidung treffen, kritische Bewertungen abzugeben. Lassen Sie uns rebellisch
kritische Geister sein, die sich nicht von Maßstäben einengen und begrenzen lassen, sondern lassen wir Paradigmen purzeln, wo es nötig ist. Fügen wir die Kunst der Kritik unserem pharmazeutischen Sachverstand hinzu und lassen unsere Herzen weiter in unserer Apotheke vor Ort, dem Kraftort Apotheke, für unseren Heilberuf schlagen.

#weilesnochniewichtigerwar #weilesniewichtigerseinwird

23.12.2021
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