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»Was könnte schlimmstenfalls passieren?«

Interview mit Peter Brandl »The Pilot«. Nach seinem Vortrag hat TREUHAND AKTUELL bei Peter Brandl bei einigen Themen noch mal nachgefragt.

In der BRAIN Formel kam am Schluss das N für »No Excuses«. Das N hatten Sie im Vortrag nicht mehr erwähnt. Oder spricht es für sich?
Eigentlich könnte man sagen, es spricht für sich, aber es gibt zwei konkrete Punkte, warum mir das N wichtig ist. Das eine ist: Viele von den Dingen, die auf uns zukommen, sind nicht mehr ungewiss, man weiß, was passieren wird. Ich kann heute definitiv sagen, dass wir ein Rentenproblem bekommen werden. Oder »Autonomes Fahren«. Die Technologie gibt es, die funktioniert. Auch das ist nichts Überraschendes mehr, ich muss nur ein bisschen weiterdenken. Das E-Rezept ist auch festgeschrieben, das wird kommen. Das ist Punkt 1, warum es keine Entschuldigung gibt: Weil das, was kommt, uns nicht überrascht – wenn wir hinschauen wollen. Punkt 2, warum es keine Entschuldigung gibt: Weil wir uns noch nie so gut vorbereiten konnten. Es gibt heute praktisch keine Barrieren mehr. Keine großen Kostenbarrieren durch preiswerte Technologie. Keine Know-How-Barrieren, denn Know-How ist permanent verfügbar, ich muss es mir nur aneignen. Wir haben also Zugang zu allen Ressourcen und wissen vieles, was auf uns zukommt. Wer seine Hausaufgaben macht, hat keine Entschuldigung.

Sie haben in ihrem Vortrag gesagt: »Wissen ist nicht gleich Tun«. Wie kommen wir besser ins Tun? Wie setzen wir unsere Ziele auch um?
 
Ich glaube, ein großes Problem, warum wir nicht so gut ins Tun kommen, ist, weil wir in Deutschland – das erlebe ich hier stärker als in anderen Ländern – so eine Art intellektuelle Selbstbefriedigung betreiben. Ich werde auf Vorträgen regelmäßig gefragt: Gibt es da nichts Neues? Natürlich kann ich den Leuten auch was völlig Neues erzählen, aber die Basics werden trotzdem noch nicht angewendet. Wir sind auf der Jagd nach neuem Wissen und neuen Kenntnissen, um unser Gewissen zu beruhigen, und machen dann doch wieder nichts. Wie kommt man ins Tun? Das erste ist, dass man eine klare Vorstellung davon braucht, wo man hinwill. Und die sollte attraktiv sein. Da sollte ich Lust drauf haben. Wenn das nur ein Bild ist, um Schaden zu begrenzen, passiert nichts. Dann kann ich anfangen, einen Plan zu machen. Mit Dingen, die ich jetzt konkret tun kann, kleinen Maßnahmen. Die kleinen Schritte zuerst gehen und das regelmäßig – genau wie im Sport. 

 Wie geht man mit der Angst um, etwas Neues zu tun und zu wagen? Wie machen Sie das persönlich?
Es gibt in meinen Augen zwei Arten von Angst. Die eine ist die vor einer objektiven Bedrohung. Die Angst, die wir aber normalerweise haben, ist die Angst vor Bloßstellung oder vor Kontrollverlust. Und der Kontrollverlust ist das Schlimmere, denn genau das ist es, was in unbekannten Situationen passiert. Dann begebe ich mich auf ein Terrain, das ich nicht kontrollieren kann. Wie gehe ich damit um? Ich habe in sehr vielen Bereichen wenig Angst, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich fast alles beeinflussen kann. Natürlich habe ich vor vielen Dingen großen Respekt. Genau hier liegt der Schlüssel. Bei neuen Dingen kann ich mir die Frage stellen: Was könnte schlimmstenfalls passieren? Und dann stelle ich mir die zweite Frage: Wie schlimm ist es wirklich? Was würde das für mich bedeuten? In den meisten Fällen stellen wir fest, dass es gar nicht so dramatisch wäre. Vor allem, wenn ich das in Relation dazu stelle, was ich gewinnen könnte, wenn ich etwas Neues tue. Wenn es aber doch zu beängstigend ist, dann kann ich zumindest überlegen, wie ich einzelne Faktoren beeinflussen kann, wie ich mehr Handlungsalternativen habe. Je mehr Optionen ich habe, desto weniger Angst muss ich haben. Und: Je häufiger ich mich meinen Ängsten gestellt und sie überwunden habe, umso mehr trainiere ich meinen Mutmuskel und desto weniger Angst habe ich in Zukunft.

Die Entscheidungen, die man als Pilot in einem Flugzeug treffen muss, unterscheiden sich von denen, die Apotheker treffen. Sie trainieren im Flugsimulator. Wie können Apotheker trainieren? 
Wir alle stehen vor ganz unterschiedlichen Entscheidungen und Herausforderungen. Wie kann man das trainieren? Ich mache mit Unternehmen häufig Worst-Case-Trainings oder Zukunfts- und Krisensimulatoren. Wir setzen uns zusammen und machen ein Negativ-Brainstorming. Wir überlegen uns: Was könnte eigentlich alles passieren? Es könnte ein Filialist neben mir aufmachen, die Gesetze könnten sich ändern, so dass wesentlich mehr Medikamente nicht mehr apothekenpflichtig sind, und und und. Bis hin zu: Wir haben einen Wasserschaden oder ich vergesse morgens meinen Schlüssel. Wirklich alles rauslassen, ohne jede Bewertung. Im zweiten Schritt klassifizieren wir die Sachen in: Was ist in den Auswirkungen ganz niedrig, aber gar nicht mal so unwahrscheinlich? Und in: sehr unwahrscheinlich, aber dann richtig schlimm. Dann nehme ich zusammen mit meinen Mitarbeitern aus jeder Gruppe vier, fünf Dinge raus und fange an, Maßnahmenpläne zu machen. Was würden wir tun, wenn das einträte? Wer macht was, wer redet mit wem? Das Spannende dabei: Nach drei oder vier Szenarien wiederholt es sich. Fast alles, was passieren kann, passt in vier oder fünf Szenarien. Und in dem Moment kann ich Vorbereitungen treffen, so dass, wenn etwas passiert, ich den entsprechenden Vorsprung habe und nicht aus blindem Aktionismus heraus handeln muss.

07.12.2018
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