Apotheke 2022: Eine Branche digitalisiert sich!

Begrüßungsimpuls vom Vorstandsvorsitzenden des Treuhand Verbandes Dr. Peter Froese

Die Welt ändert sich – immer schneller und radikaler – und diese Beschleunigung wird weiter zunehmen. Was macht das mit uns Apotheken?

Erinnern Sie sich noch? Erst 2007 ist das erste iPhone herausgekommen. Für uns fühlt sich das schon viel länger an. Technologien, gerade digitale, verändern unser Leben radikal und schnell. Wir leben offenbar in einer Zeit, in der Innovationen tief in unser aller Leben eindringen. Egal ob als Bürger oder als Apotheker. Digitalisierung ist dabei ein Aspekt von Innovation, sie ist jedoch ein sehr effektiver, ich denke sogar der effektivste Treiber.

Ob wir Abwehr dagegen empfinden und uns dagegen sperren ist völlig egal. Es wird einfach passieren. Wir haben keine Kontrolle darüber. Wir müssen uns dem aktiv stellen.

Was machen digitale Innovationen mit uns Apotheken? Versuchen wir mal zu sortieren. Was lässt sich nicht digitalisieren? Was wird anders werden? Die gute Botschaft: Es gibt drei Dinge, die ganz sicher bleiben werden.

  • Das physische Arzneimittel als Objekt.
  • Die regulierte Abgabe an einem regulierten Ort.
  • Der verantwortliche kommunizierende Apotheker.

Und noch etwas. Etwas in der digitalen Welt ungemein Wichtiges. Wenn ich mir ein Nasenspray kaufe oder ein Rezept einlöse, nehmen wir mal an vorgestern, wird ein Primärdatenpunkt genau in Ihrer Apotheke erzeugt. Der Primärdatenpunkt »Abgegebenes Arzneimittel für Patient Froese am 15.10.2021«. Und auch das wird bleiben und es wird wichtig sein.

Die schlechte Botschaft: Alles andere kann – und wird – sich komplett ändern. Ob es um Informationsflüsse, Wissenszugang oder banale Dinge wie das Bezahlen geht, überall werden digitale Lösungen tiefer und tiefer in unser Apothekerleben eindringen. Und das zumeist »von außen«.

Und in den Bereichen, die Gesundheit betreffen, gibt es viele viele Player, die gerade digitale Innovationen vorantreiben. Die sehr tief in unser Geschäftsmodell eingreifen können und dort wo sie sich durchsetzen es auch werden.

Findet Apotheke im Bereich digitaler Innovation statt?

Wir müssen uns also fragen: In welchen Bereichen finden wir (digitale) Innovationen? Vor allem in den Zwischen­welten vom physischen beziehungsweise produktgetriebenen und digitalen beziehungsweise datengetriebenen Bereich: Im Moment noch völlig fremdartige Begriffe wie
Electroceuticals, Wearables, Digital Twins oder Liquid
Biopsy. Aber denken Sie an den ersten Satz meines Vortrags. Das Wort iPhone hatte etwa die gleiche Fremdartigkeit damals 2007. Und heute?

Die Frage, der wir uns also stellen müssen, lautet: Findet Apotheke bei all diesen Begriffen statt oder findet Apotheke dort nicht statt?

Und der Staat? Der all das letztlich regulieren soll? Wenn es dann beispielsweise ein System zur sensorgestützten Präzisionspharmazie mit individueller Dosisanpassung gibt? Der wird fragen: »Habt ihr das? Nicht? Dann hol ich mir das woanders.« Wie lautet unsere Antwort, wenn der spezialisierte Algorithmus bessere Ergebnisse liefert als der Mensch mit all seinen Eigenschaften? Wird der physische Berater durch einen virtuellen Berater mit Künstlicher Intelligenz ersetzt werden? Ist das eine Gefahr oder auch eine Chance? Letztendlich müssen wir uns also immer fragen: Welchen Einfluss haben die digitalen Innovationen auf unser Geschäftsmodell?

Eins steht jetzt schon fest: Sie erzeugen in jedem Fall neue Marktzugangskosten. Insbesondere dann, wenn sich eine Innovation durchsetzt. Und damit kommen wir zu einem unvermeidlichen Kernthema. Das Problem des »liebevollen Dritten« in der digitalen Welt. Sind es Dritte, die ihnen digitale Innovationen antragen, werden Sie mit bitteren Wahrheiten konfrontiert.

Brauchen Sie einen »liebevollen Dritten«?

Ihre Kunden werden zu Kunden des liebevollen Dritten. Der sie ihnen nur »ausleiht«. Zumindest solange es ihn, den liebevollen Dritten, gibt. Vielleicht wird er ja schon nächstes Jahr verkauft. Mitsamt Ihren Kunden, die seinen Wert ausmachen. Dieser Dritte muss selbst viel investieren und will daher nur ihr Bestes. Entweder viele, viele Daten oder Ihr Geld. Oder beides. Brauchen Sie so einen »liebevollen Dritten«? Die frappierende Antwort: Nein! Aber er braucht Sie! Also müssen wir gemeinsam etwas für uns tun. Aber was?

Die nicht ganz triviale Antwort ist, dass Sie die Werte in die digitale Welt transportieren müssen, die Sie als Apotheker und als Apotheke ausmachen. Für jeden digital erfahrbar und erlebbar. Das ist viel mehr als ein Teleshoppingangebot. Diese Werte, die Apotheke ausmachen, sind alles andere als trivial. Zum Beispiel: Wir sind immer vor Ort da. Uns kann man vertrauen. Wir wissen Verantwortung zu tragen. Wir wissen viel. Wir bilden uns fort. Wir sind verschwiegen. Wir sind unbestechlich.

Und: Apotheke riecht gut. Apotheke hat also aus Sicht der Menschen »etwas«. Sie ist ein hoch geschätzter Ort. Und genau das muss sie auch im digitalen Raum sein. Aus all dem ergibt sich:

Wir brauchen ein eigenes Branchenportal!

Der Grundgedanke eines Branchenportals ist es, den Branchenerfolg auch im digitalen Umfeld zu sichern. Die individuelle Nutzung wird das Schicksal der jeweiligen Offizin bleiben. Genau das machen wir alle gerade. Die Apotheken stellen das notwendige Investivkapital über die Verbände zur Verfügung. Was für einen einzelnen fast unmöglich ist, können wir alle gemeinsam schaffen! 

So weit so gut, könnte man denken. Ein Branchenportal im Internet, in dem man sich sofort heimisch fühlt. Wie in der Vor-Ort-Apotheke eben.

Aber es gibt zusätzliche Probleme, es ist noch etwas komplizierter, ein solches gutes Branchenportal für Apotheken zu bauen: Schlagworte wie Deep Fakes und Fake News, Hassnetz, Cyberangriffe, Staatstrojaner und Datenkraken sind in aller Munde und geben eine Vorstellung davon, was sich derzeit im »normalen« Internet abspielt. Und auch ein Branchenportal, wie es ja auch andere liebevolle Dritte anzubieten versuchen, liegt im »ganz normalen« Internet. Und ist damit all dem ausgesetzt, was sich dort abspielt. Vom Datensammeln bis zur hemmungslosen Wahrheitsverdrehung, vom Hacking zum vernichtenden Datenangriff.

Damit wird aber Apotheke digital »zerrissen«. Was ist mit dem Vertrauensbereich, den wir ja für die Patienten bilden? Für eine professionelle Digitalisierung im Gesundheitswesen ist dieses Internet, so wie es ist, komplett ungeeignet. Und das gilt eben auch für die Arzneimittelversorgung als inte­graler Bestandteil der Gesundheitsversorgung.

Telematik 2.0

Das wurde schon frühzeitig erkannt, die Lösung heißt Telematik. Sozusagen die Version 1.0, die wir ja gerade in den Apotheken aktivieren. Mit einer zwar komplizierten Struktur aber höchster Sicherheitsstufe, abgekapselt vom großen, weiten Internet. Allerdings ist die verwendete Technik nicht mehr »up-to-date«. Deshalb wird es bald die Telematik 2.0 geben, sozusagen »isoliert schwimmend« im Internet und trotzdem sicher. Mit einer vereinfachten Struktur und einer Sicherheit, die immer »State of the Art« ist, wird sie ein geschütztes Vertrauensumfeld für Gesundheitsdaten herstellen. Um es nochmal zu betonen: Professionelle Digitalisierung im Gesundheitswesen wird sich in diesem geschützten Umfeld entwickeln. Und da müssen Sie als Offizin ganz intensiv mitarbeiten.

Also ergibt sich der zweite Grundgedanke des Apothekerportals: Wir müssen uns selbst eine geschickt in die Telematik 2.0 integrierte Plattform für unsere Betriebe bauen, die gleichzeitig im wilden weiten Internet sichtbar ist.

Die Vorab-Plattform, das DAV-Portal, ist bereits erfolgreich aktiv. 2021 wurden auf ihr digitale Leistungen im Wert von etwa 400 Millionen Euro erzeugt und transferiert. Das macht Mut und zeigt, wie wichtig einer Gesellschaft funktionierende, ganz nah an den Menschen agierende und digital aktive Apotheken sind.

Lassen Sie mich mit einem Bild, das John F. Kennedy gezeichnet hat, schließen. Gefühlt sind wir in einer Krise. Aber das chinesische Schriftzeichen für Krise setzt sich aus zwei Zeichen zusammen. Das eine bedeutet Gefahr. Das andere Gelegenheit. Die sollten wir nutzen.

27.12.2021
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