Vom Solo zur Sinfonie – was Unternehmen von Orchestern lernen können

Das war ein fulminantes »Concerto«, das Dirigent Christian Gansch am Samstag Vormittag in Weimar auf dem Dialog des Treuhand Verbandes vor den gespannt lauschenden Apothekern und Apothekerinnen ablieferte. Der Produzent, GRAMMY-Gewinner, Autor, Redner und Führungsexperte zündete von Anfang an ein vor Energie sprühendes, kluges und nachhaltiges Feuerwerk an praktikablen Führungsprinzipien – zum Teil verpackt in wundervolle Musik.

Mit typisch österreichischem Charme und Dialekt gibt der Management-Speaker dem Publikum zum Einstieg erst einmal Einblicke in ein typisches Orchester: Mit einem Betriebsrat, einem administrativen Bereich und etwa 140 Angestellten aus ca. 26 Nationen, wie beispielsweise bei den Berliner Philharmonikern, geht es dort wie in einem großen Unternehmen zu. Und ebenso wie in einem Unternehmen gibt es verschiedene Milieus, die dort aufeinander prallen: Zum Beispiel die Streicher aus dem eher bürgerlichen Milieu. Die individualistischen Holzbläser. Oder die manchmal ländlich geprägten Bläser mit den großen Tubas. Und der Dirigent? Muss alle zusammenhalten.

»Einer führt und alle folgen? Das hab ich so noch nie erlebt!«, so Christian Gansch. »Mit einem vielschichtigen Ensemble Harmonie zu erzeugen, ist kein Selbstläufer. Es ist kompliziert«, erklärt der internationale Dirigent. »Man muss viele exzentrische Einzelkämpfer zusammenführen und zu einem großen Ganzen verbinden.« Seine energiegeladenen Ausführungen untermalt er mit einer musikalischen Kostprobe von Prokofiev, dem Ende der 5. Symphonie – und die Zuhörerschaft lauscht gebannt den eindringlichen Klängen.

Aufeinander hören, miteinander handeln

»Diese Harmonie ist ein absolutes Wunder! Ein perfektes Ergebnis lässt sich nur durch permanente Abstimmung und Selbstverantwortung erreichen. Change-Management ist dabei nicht nur ein Wort, sondern unser tägliches Schicksal«, erläutert der Führungsexperte. Sozusagen ein tägliches Ringen und dazu ein Zusammensein auf engstem Raum – 200 Konzerte im Jahr mit jeweils drei Proben von zweieinhalb Stunden und zusätzlicher Generalprobe. »Wie ein Zwangsseminar ohne Fluchtmöglichkeit«, fasst Christian Gansch zusammen.

»Wenn dann eine Flöte 60 Streicher fragt, ob sie anders spielen können, damit die Flöte besser klingt, dann machen die 60 Streicher das«, so Gansch. Als Dirigent hat man dabei die Verantwortung für die Atmosphäre, in der ein erfolgreiches Ergebnis stattfinden kann. »Die Atmosphäre muss stimmen. Ein Orchester klingt so wie Du ausschaust! Es ist wie ein Stein, den ich ins Wasser werfe und Kreise erzeugt.«

»Der Dirigent trägt die Verantwortung für die Atmosphäre!«

Gansch erzählt von einem Engagement in Tokio, wo er dank Jetlag nicht wie gewohnt professionell agierte und das Orchester darauf auch prompt reagierte. Daraufhin machte er eine Pause, schaute in den Spiegel und erschrak angesichts seiner miesepetrigen Mimik: »Ich habe mir innerlich gesagt: Du darfst hier sein, was für eine unglaubliche Ehre! Ich habe meine intrinsische Einstellung geändert und das hat sich danach auf das Orchester übertragen und das Ergebnis verändert.«

Change-Management ist unser tägliches Schicksal

Ein Orchester kann sich niemals auf einem Konzert von gestern ausruhen. »Menschen leben oft in der Vergangenheit und sagen sich: Das war so kuschelig. Sollte man auf diesen Zug aufspringen oder nicht? Und während man noch überlegt, ist der Zug schon längst abgefahren«, warnt der ebenfalls als Produzent und Unternehmer erfolgreiche Dirigent. »Große Unternehmen wie Sony oder Universal Music haben das digitale Zeitalter lange verschlafen. Und dadurch acht bis neun Jahre Einkommen verloren. Bis sie dann irgendwann auf den schon fahrenden Zug aufgesprungen sind und digitale Downloads angeboten haben.«

Transformation und Veränderung ist ein ständiger Teil unseres Lebens. Als musikalischen »Beweis« lässt der bekannte Dirigent jeweils zwei Aufnahmen von Mozarts g-moll Sinfonie und Bachs Orchestersuite spielen – einmal von früher, einmal von heute. Der Unterschied ist selbst für Laienohren immens: Die frühere Aufnahme hört sich im direkten Vergleich geradzu schläfrig und behäbig an. »Sie können Ihrem Publikum nicht sagen: Gestern hätten Sie uns hören sollen«, so Gansch.

Ohne präzise Informationen und Wertschätzung keine Selbstmotivation

Die innere Atmosphäre ermöglicht Innovationen. Doch dafür muss eine gute Führungskraft ein echtes und ehr­liches Miteinander gestalten, in dem jeder noch so kleinste Teil wichtig ist und ernst genommen wird. Eben auch die Triangel. »Ich bin hier der Dirigent und deswegen machst Du jetzt, was ich sage – das funktioniert so nicht«, weiß der Maestro. »Es gibt große und kleine Rollen, aber keine unwichtigen.«

Führen heißt vorausdenken und gestalten, aber auch delegieren und dann in Ruhe lassen, erklärt Gansch nach einer weiteren beeindruckenden musikalischen Kostprobe von Richard Wagners imposanter Götterdämmerung: »Wir sind keine große Familie, das wäre viel zu anstrengend. Auch die, die den ersten Trompeter nicht mögen, unterstützen ihn. Wir respektieren uns auf professionelle Art und Weise – für ein gemeinsames, perfektes Ergebnis.«

Handwerk, Präzision, Strategie und Technik müssen stimmen

Wenn ich also ein neues Klangbild bauen möchte, gibt es viele Stellschrauben, an denen ich etwas ändern kann. »Es gibt immer welche, die sagen, das hat doch keinen Sinn, was soll der Blödsinn. Das müssen Sie aushalten. Stabilität gibt es nirgendwo«, konstatiert Christian Gansch zum Schluss seines beeindruckenden Vortrages und lässt dazu Anton Bruckners 4. Symphonie erklingen.

In der abschließenden Diskussion mit Dr. Frank Diener und Dr. Peter Froese unterhält sich der Dirigent nach einem begeisterten Applaus noch ein paar Minuten über Innovation, verändertes Kundenverhalten, Trends und Digitalisierung. Fazit: Man kann Kunden zu nichts zwingen. Das Kundenverhalten ändert sich und nimmt mehr und mehr digitale Wege. Auch wenn man sagt, das gefällt mir nicht, gibt es heutzutage eine andere Partitur. Die Plattformen verdienen das Geld der Plattenfirmen. Und sogar die Deutsche Grammophon ist jetzt im Internet.

Musikalische Kostproben während des Vortrages

  • Prokofiev, Ende 5. Symphonie
  • Anton Bruckner 9. Symphonie, aus 2. Satz, Scherzo
  • Wagner Götterdämmerung, Trauermarsch
  • Siegfrieds Tod
  • Vergleich zwei Aufnahmen von Mozarts g-moll Sinfonie und Bachs Orchestersuite
  • James Brown, Papa‘s got a Brand New Bag
  • Anton Bruckner, Ende 4. Symphonie

27.12.2021
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